Don Knuth benennt seine neueste Arbeit nach Claude.ai¶
© Jacob Appelbaum¶
„Shock! Shock!“ – mit diesen Worten eröffnet Donald Knuth, Turing-Preisträger, Schöpfer von TeX und Autor von «The Art of Computer Programming», sein neuestes Paper.
Doch was schockierte ihn so? Knuth hatte wochenlang erfolglos an einem offenen, komplexen Problem der Graphentheorie für The Art of Computer Programming gearbeitet. Erst als Claude Opus 4.6 von Anthropic ins Spiel kam, konnte das Problem gelöst werden – in gerade einmal einer Stunde.
Auf Basis dieses Ergebnisses verfasste er den formalen mathematischen Beweis und stellte bei der Verallgemeinerung fest, dass es genau 760 „Claude-ähnliche“ Zerlegungen gibt, keine jedoch schöner war, als die von Claude gefundene. Knuth bezeichnete Claudes Plan als „sehr bewundernswert“ und das Ergebnis als „einen dramatischen Fortschritt in der automatischen Deduktion und kreativen Problemlösung“. Das nun resultierende Paper nannte er daraufhin kurzerhand Claude’s Cycles.
Noch im April 2023 gab Knuth ChatGPT eine 20-Fragen-Prüfung, in der er beobachten konnte, wie es die Kapitelstruktur eines Leon-Uris-Romans halluzinierte. Er kam zum Schluss, dass dies ein „Studium der Aufgabe, wie man etwas vortäuscht“ war.
Und auch diesmal musste die Sitzung nach zufälligen Fehlern neu gestartet und Claude.ai immer wieder daran erinnert werden, den Fortschritt zu dokumentieren. Claude.ai versuchte auch, einen anderen Weg einzuschlagen als die bereits gefundene Lösung, „schien sich festzufahren“ und konnte schließlich das eigene Programm nicht mehr korrekt ausführen. Dennoch ist generative KI jetzt auf einem sehr hohen Niveau angekommen, sodass sie Knuth dazu brachte, seine Ansicht zu überdenken. Im Vorwort seines Papers schreibt er dazu:
Es scheint, als müsste ich meine Meinung über „generative KI“ in diesen Tagen revidieren.
Am Ende des Papers geht er noch weiter und zieht ein ehrfürchtiges Fazit:
Ich denke, Claude Shannon wäre wahrscheinlich stolz darauf, dass sein Name nun mit solchen Fortschritten in Verbindung gebracht wird. Hut ab vor Claude!
Claude Shannon gilt als Vater der Informationstheorie und ist auch Namensgeber von Claude.ai.
Wenn Knuth nun anerkennt, dass Maschinen auf diesem hohen Niveau Probleme lösen können, ist das sicher auch ein Hinweis darauf, dass wir an der Schwelle zu einer neuen Ära stehen, in der intellektuelle Erkenntnisse nicht mehr dem Menschen allein vorbehalten sind. Hier deutet sich ein Paradigmenwechsel an, der enorme Auswirkungen auf Bildung und Wissenschaft, Wirtschaft und Politik haben wird – und schließlich auch auf unser Selbstverständnis.